Badische Zeitung vom 19.4.2003

Badische Zeitung vom Samstag, 19. April 2003
Bruchsteinwand und Brägili
Jetzt hat der Zwischenstopp beim Winzer von nebenan Hochsaison: Fast alle
Straußwirtschaften der Region haben geöffnet. In der Bötzinger Löwenstrauße mit
rustikalem Ambiente herrscht Trubel in Gastraum und Küche/von Achim Engler (Text
und Fotos)
Samstagnachmittag kurz nach vier in der Bötzinger Hauptstraße 82: Noch ist es ruhig in der Löwenstrauße, noch. Sie hat vor wenigen Minuten geöffnet. Zwei Gäste sitzen am großen Rundbogenfenster im Lokal, dort wo früher die Hofeinfahrt des Gasthauses " Zum Löwen" war. Die Löwenstrauße, angegliedert an das Weingut Schaffner, hat im März 1986 eröffnet. "Straußen gab es damals noch nicht so viele. Aber sie waren sehr beliebt. Wir haben uns dann sehr kurzfristig zum Umbau des Betriebes entschlossen, das war im November 1985", erzählt der Besitzer Thomas Schaffner. Viele fleißige Hände aus der Familie schafften dabei mit.
Holzdecke, Bruchsteinwand, alte Mühlräder, frische Blumen: Die Straußwirtschaft hat Flair und die Speisekarte einiges zu bieten. Es gibt hier auch Kuchen, den Hefekranz. Gebacken wird er nach alter Tradition. Seit Generationen ist er eine Spezialität der Familie Schaffner und schmeckt nicht nur zu Kaffee oder Tee. "Mit Chardonnay ist der Hefekranz ein Gedicht", schwärmt Esther Schaffner. Selbstgemachter Flammenkuchen ist in der Strauße natürlich ein Muss, ebenso wie Brägili. Die gibt es in der Löwenstrauße in vielfältigen Variationen. "Speckeier mit Bibiliskäs und Brägili" ist als "Nina-Mix" auf der Karte bezeichnet. Die Löwenstrauße zählt viele Stammkunden, manche haben mit ihren Essenswünschen einen Platz auf der Speisekarte gefunden. Es sind Kombinationen von Wurstsalat, Bauernwurst oder eben Speckeiern, jeweils mit Brägili. Für die besonders Hungrigen gibt es auch den "Super Mix (vu allem ebbis, fascht e kilo)". M atthias Möller serviert all diese Genüsse. Seit zehn Jahren arbeitet er hier einmal in der Woche als Kellner, normalerweise ist er als Gärtner in Freiburg tätig. "Der Umgang mit den Kunden macht mir einfach Spaß, es ist immer wieder schön, im Lokal zu arbeiten", berichtet er. Seit 1993 ist die Löwenstrauße ein Nichtraucherlokal, weil Thomas Schaffner unter einer Augenverletzung leidet.
Eine Gaststättenkonzession besitzen die Schaffners nicht. Die Überlegung, eine solche zu beantragen, gab es mal, sie wurde aber verworfen. "Wir sind eine Originalstrauße und das möchten wir auch bleiben", bekräftigt Thomas Schaffner. Mit einer Konzession wären mehr Sitzplätze, ein breiteres Angebot und längere Öffnungszeiten übers Jahr erlaubt (siehe Stichwort). Aber das Weingut hat Priorität, die Strauße läuft nebenher. Und sie läuft gut. "Ein Teil der Gastronomie sieht die Straußen nicht gerne. Diese nehmen ihnen viele Gäste weg. Ich habe ein gutes Verhältnis zu den Gastronomen, aber manche von ihnen nicht zu mir", verrät Thomas Schaffner und fügt an: "Wir zahlen genauso Steuern wie ein Gastronomiebetrieb, nur eben keine Gewerbesteuern, weil wir mit der Strauße zu einem landwirtschaftlichen Betrieb gehören".
Der Erteilung einer Konzession stünde nach dem Umbau der Küche 1991 freilich nichts im Wege. In den Anfangsjahren maß sie lediglich 2,3 Quadratmeter. Sie bot Platz für einen kleinen Herd mit Backofen und eine Spüle. "Es war sehr eng und man stand sich häufig im Weg", kann sich der Besitzer noch gut entsinnen. Ebenso wie Trudel Sexauer: Sie ist vom ersten Tag an Köchin der Löwenstrauße und, wie ihre Kinder sagen, am Herd in ihrem Element. "Mein Bereich sind die warmen Speisen. Sie werden alle stets frisch zubereitet", erzählt sie. Währenddessen kümmert sie sich um die Brägili. "Diesmal ohne Speck, aber mit Zwiebeln - je nachdem wie die Gäste es wünschen", fügt sie an.
Für die kalten Speisen ist Mirek Madrzyk zuständig, er bereitet gerade Elsässer Wurstsalat zu: "Ich mische Käse mit Wurstsalat. Dann kommen noch Salatkräuter hinzu, und etwas Petersilie zum Garnieren." Fertig, jetzt zeigt er, was der Kühlschrank zu bieten hat: Schwarzwurst, Leberwurst, biologischer Käse und vieles mehr. Nebendran befindet sich der Ofen, in dem die Flammenkuchen gebacken werden. Am liebsten isst Mirek Münsterkäse, lachend nennt er ihn Stinkerkäse. "Er riecht so schlimm und schmeckt so toll, überraschend fein", erklärt er.
E s ist viel zu tun in der Küche, die Essensbestellungen häufen sich. Inzwischen haben wir halb sieben: Abendessenszeit. Die Strauße hat sich gefüllt, es ist Leben im Lokal. Die Angestellten haben viel zu tun, aber immer noch Zeit für einen kleinen Plausch mit den Gästen. Ein Samstag in der Bötzinger Löwenstrauße: Und er ist noch lange nicht zu Ende.